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Doks, Doks, Doks

Tobias Obermeier
Tobias Obermeier

Fünf Filme zeigen die Facetten des Dokumentarfilms

Doks, Doks, Doks

Dokumentarische Formate richten den Blick auf Zusammenhänge, Geschichten und Hintergründe richten, die in der tagesaktuellen Berichterstattung oftmals wenig Beachtung finden. So auch der Film VERMINT, der von den Menschen in der Ostukraine erzählt, wo seit 2014 Krieg herrscht. Wie geht es der Bevölkerung, die seit Jahren den immer wieder ausbrechenden Gefechten zwischen der ukrainischen Armee und den pro-russischen Separatisten ausgesetzt ist? Der Film sucht nach Antworten und lässt die Menschen zu Wort kommen. Viele haben seit Beginn des Krieges durch Minen und Blindgänger in der Erde Beine, Hände oder ihr Augenlicht verloren. Hunderte kamen bereits ums Leben. Der Alltag ist stark eingeschränkt. Kinder dürfen nicht mehr in der Natur spielen, Bauern können ihre Felder nicht mehr bestellen. Eine Schar Minenräumer bemüht sich in akribischer und lebensgefährlicher Arbeit, Felder und Wiesen von unzähligen nicht explodierten Sprengkörpern und -fallen zu befreien.

Ein gänzlich anderes Thema behandelt der Film WHY DIDN’T YOU STAY FOR ME. Die Regisseurin Milou Gevers nähert sich dem Thema Suizid auf eine sehr intime und berührende Weise. Sie spricht mit vier Kindern, denen gemeinsam ist, dass sie einen Elternteil durch Suizid verloren. Die Kinder erzählen von ihrem Alltag, ihren Ängsten und wie sie mit dem Verlust umgehen. Gevers verhandelt dabei in animierten Szenen auch ihre eigene Geschichte: ihre Mutter beging Suizid als sie ein Teenager war. Sie stellt den Kindern Fragen, die ihr damals niemand zu stellen wagte. Der Film gewann die Goldmedaille in der Kategorie „Documentary/International Film Schools“ bei den Student Academy Awards 2021.

Oftmals verwendet die dokumentarische Form, wie in WHY DIDN’T YOU STAY FOR ME, fiktionale Elemente, um bestimmte Aspekte einer Geschichte herausarbeiten zu können. Auch WHITE ROOM arbeitet damit. Im Film erzählt ein ehemaliger Gefangener von der „weißen Folter“, bei der man in eine Zelle gesperrt wird, die komplett weiß ist: die Wände, der Boden, die Decke, aber auch die Kleidung und das Essen. Durch den Entzug von Farben verlieren die Menschen allmählich ihre visuelle Erinnerung. Der Film lässt den Gefangenen im Off erzählen, während seine Erfahrung der Folter in assoziativen Bildern nachgestellt wird.

Auf ähnliche Weise arbeitet auch der Dokumentarfilm $75000. Menschen mit Albinismus werden in einigen Ländern Afrikas häufig Opfer von Diskriminierung und Gewalt. Sie werden gejagt und verstümmelt. Ihnen werden Hände und Füße abgehackt oder sie werden getötet. Wunderheiler schreiben ihnen magische Kräfte zu und verkaufen einzelne Körperteile, die als Glücksbringer dienen, für einige tausend Dollar auf dem Schwarzmarkt. Für den ganzen Körper eines Menschen mit Albinismus werden bis zu $75.000 gezahlt. Der experimentelle Dokumentarfilm lässt Betroffene – ohne sie zu zeigen – zu Wort kommen und von ihren grausamen Erfahrungen erzählen. Visuell begleiten ihre Geschichten ruhige, illustrierende bis assoziierende Animationen.

Thematisch in eine gänzlich andere Richtung geht TOPLESS, wobei auch hier mit dem Mittel des Weglassens gearbeitet wird. Zu sehen sind nicht die Menschen, sondern nur ihre Schuhe. Was erzählen sie über die Menschen, die sie tragen? Oder anders gefragt: Was erzählen die Menschen über ihre Schuhe, wenn man sie fragt? Getrieben von einem leidenschaftlichen Interesse an beidem, den Schuhen wie auch den Menschen, begibt sich der Film auf einen Spaziergang durch die Straßen Münchens. Von weißen Sneakern, über schwarze Stiefelletten bis zu feinen High Heels: Was wären Menschen nur ohne ihre Schuhe?

 

Fabian Janssen & Juliane Tutein (VERMINT) im Interview

Milou Gevers (WHY DIDN’T YOU STAY FOR ME?) im Interview

Jakub Jirásek (WHITE ROOM) im Interview

Hannah Jandl (TOPLESS) im Interview

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