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Donnerstag, 19.11.2020

Verlust und Trauer

Fünf Filme beschäftigen sich mit Verlusterfahrungen innerhalb der Familie

Verlust und Trauer

Trautes Familienglück?

In wackeligen Bildern läuft ein kleines Mädchen hastig ein Treppenhaus hoch. Sie sprintet und hält den Handlauf fest umklammert. Die Kamera folgt ihr hektisch die Stufen hinauf. Dabei verliert sie immer wieder den Fokus auf das Mädchen. In der Wohnung angekommen, umarmt sie erleichtert ihren Vater. Der weist sie jedoch kühl ab.

Das Mädchen ist keine Schauspielerin, sondern eine Puppe in Daria Kashcheevas Stop-Motion-Film DAUGHTER. Die faszinierende Imitation einer Handkamera lässt uns tief in das zerrüttete Verhältnis zwischen dem Mädchen und ihrem Vater eintauchen. Der Film erzählt in Rückblenden von schmerzhaften Momenten aus der Kindheit des Mädchens. Sie fand keinen Zugang zu ihrem Vater. Seine Versuche, sich ihr zu nähern, scheiterten ebenso. Was genau vorfiel, wird nur angedeutet; aber es führte zu einem Verlust von Vertrautheit zwischen beiden. Ein Verlust, dessen Spuren sich bis in die Gegenwart ziehen, als die mittlerweile erwachsene Tochter am Krankenbett ihres Vaters sitzt und von den Erinnerungen eingeholt wird.

Nicht weniger berührend, aber komplett anders inszeniert, ist der Stop-Motion-Film I’M HERE von Julia Orlik. Hier ist die Kamera statisch auf den Oberkörper einer alten Frau gerichtet, die im Sterben liegt. Sie würde gerne etwas sagen, aber aus ihrem Mund kommen nur klagende Jammerlaute. Um sie herum hört man die Familie ein Geburtstagsständchen singen oder Essen zubereiten. Während man von der Frau permanent das Gesicht sieht, sind von den anderen hingegen immer nur Teile ihres Körpers zu sehen. Sie sprechen über sie und mit ihr, aber sie ist nur noch ein passiver Teil der Familie. Der Trickfilm erzählt von der sprachlosen Verzweiflung im Angesicht des Todes, die man im grandios modellierten Gesicht der Sterbenden erkennen kann.

Ein Verlust kann aber auch mit der Vergänglichkeit eines Ortes einhergehen. So ist es in Pegah Moemen Attares dokumentarischen Essayfilm GONE HOME, in dem die Regisseurin den Erinnerungen an einen längst vergangenen Ort ihrer Kindheit nachspürt: Das Haus ihrer Großmutter in Teheran wurde abgerissen, kurz nachdem sie mit ihrer Familie das Land verlassen hatte. Mit ihrer Mutter spricht sie immer wieder über das Haus, die Großmutter und ihre Kindheit. Sie sehen sich alte Familienvideos an, lesen Briefe vor und versuchen, die Fragmente ihrer Erinnerung zusammenzufügen. Mit jedem weiteren Gespräch intensivieren sich die Gefühle des Verlusts des früheren Zuhauses in diesem sehr berührenden und persönlichen Film.

 

Familie

Wie schlimm der Verlust auch sein mag, das Leben muss irgendwie weitergehen. Das muss auch der Vater im Spielfilm THE OTHER von Saman Hosseinpuor und Ako Zandkarimi erkennen, nachdem seine Frau gestorben ist. Seitdem kümmert er sich alleine um seine Tochter. Doch wie soll das Leben weitergehen, wenn sich Hinweise verdichten, dass seine Frau einen Liebhaber hatte und die Tochter gar nicht von ihm ist? Der Film schafft es, ganz ohne Dialoge, von der Trauer und der Liebe eines Mannes zu erzählen, der jeden Zweifel an seiner Vaterschaft beseitigen will, weil ihm sonst nichts mehr im Leben bleibt.

Die Trauer um einen geliebten Menschen kann über Jahre anhalten. Von einem äußerst tragischen Todesfall handelt der Spielfilm NEITHER FORGET, NOR FORGIVE. Der Film beruht auf der wahren Geschichte des damals 17-jährigen Aktivisten Guillem Agulló, der 1993 von Faschisten getötet wurde. Der Regisseur Jordi Boquet greift die Geschichte auf und erzählt sie aus der Perspektive der jungen Studentin Betlem, die 2003 in ihre Heimatstadt Valencia zurückkehrt, um ein paar Tage mit ihrer Familie zu verbringen. Aber die Stadt, das Haus ihrer Familie und die Freund*innen von damals erinnern sie in jedem Moment an die schmerzvolle Vergangenheit, an den Tag, als ihr Bruder auf offener Straße ermordet wurde. In einem ruhigen und unaufgeregten Erzählton macht der Film deutlich, dass die Zeit nicht alle Wunden heilt und es Dinge gibt, die weder vergessen noch vergeben werden können.