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Freitag, 13.11.2020

DIE USA IN NAHAUFNAHME

In sechs Reportagen erzählen Studierende der HFF vom Zustand der amerikanischen Gesellschaft

DIE USA IN NAHAUFNAHME

Viele politische Unruhen erschüttern gerade die USA.

Es gibt wohl keine bessere Ausbildung für Dokumentarfilmer*innen, als in die Welt hinausgeschickt zu werden und jenseits der gewohnten, sozialen Umgebung drehen zu müssen. Das findet auch die Abteilung Fernsehjournalismus an der Hochschule für Fernsehen und Film München mit ihrem Lehrprojekt CLOSE UP. Jedes Jahr reisen Studierende zusammen in andere Länder und realisieren dort eigene Reportagen und Magazinbeiträge. Im Februar 2020 ging es für den diesjährigen Jahrgang in die USA; in ein Land, das gespaltener und aufgeheizter ist wie nie zu vor. Rund um Washington, D.C., drehten die Studierenden kurz vor Beginn der Coronapandemie in Zweierteams oder alleine sechs Beiträge zu den Themen Klimapolitik, Rassismus, Drogenmissbrauch, Armut und zur Präsidentschaftswahl.

FLOODLAND lässt Menschen an der Ostküste der USA zu Wort kommen, die aufgrund der zunehmenden Häufigkeit von Überschwemmungen und drastischer Klimaveränderungen ihr Zuhause verlieren. Währenddessen sitzen in Washington einflussreiche Lobbyist*innen, die sich größte Mühe geben, die Ursachen für die Überschwemmungen zu verschweigen. Es stellt sich die Frage, wie Klimapolitik überhaupt funktionieren soll, wenn der Präsident die bereits vorherrschenden Klimawandel leugnet.

Die USA werden seit Jahren von einer der schlimmsten Drogenkrisen ihrer Geschichte heimgesucht. Ein fahrlässiger Umgang mit starken, verschreibungspflichtigen Schmerzmitteln, führte hunderttausende Menschen in die Opioidabhängigkeit. Das Opioid Fentanyl wirkt 50-mal stärker als Heroin. Drogenmissbrauch ist im Land mittlerweile die häufigste Todesursache bei den unter 50-jährigen. Eine furchterregende Nebenerscheinung sind Neugeborene, die einen Entzug machen müssen, da sie bereits im Mutterleib abhängig wurden. I TEACH MY KIDS LOVE porträtiert zwei Frauen, die mehrere Kinder von Opiatsüchtigen adoptierten, um sie aus der Spirale der Abhängigkeit zu befreien.

Dass die USA ein Land voller Widersprüche ist, zeigt sich auf bemerkenswerte Weise im Wahlkampf. In YOU COULD BE HERE ONE DAY kommen Afroamerikaner*innen zu Wort, die Donald Trump wählen und unterstützen. Ausgerechnet Trump, der sich offen rassistisch äußert und mit Rechtsradikalen sympathisiert, konnte im Präsidentschaftswahlkampf eine Vielzahl Schwarzer Wähler*innen für sich gewinnen. Ebenso widersprüchlich erscheinen homosexuelle Trump-Unterstützer*innen wie Scott Presler in CONFESSIONS OF REPUBLICANS. Mit Cowboystiefel und dem provokativen Slogan „I’m gay. Democrats don’t owe me.“ auf einem Schild will der Aktivist konservative Bevölkerungsgruppen überzeugen, sich ins Wählerverzeichnis eintragen zu lassen.

 

HFF Special: CLOSE UP WASHINGTON

Ausgrenzung und Diskriminierung gehören nach wie vor zum Alltag der Schwarzen Bevölkerung. Die Vorfälle massiver Polizeigewallt in den letzten Monaten sind dabei nur ein weiterer Höhepunkt des alltäglichen Rassismus in den USA. In LET’S TALK ABOUT RACE kommen junge Afroamerikaner*innen zu Wort, die über ihre Erfahrungen mit Rassismus sprechen und der Frage nachgehen, wie er beseitigt werden kann. Eine der bemerkenswertesten Antworten stammt von einer Lehrerin: Laut ihr wären die Schwarzen während der Segregation besser dran gewesen, da sie eigene Gemeinschaften mit Schulen, Ärzten, Anwälten oder Banken gehabt hätten. Dadurch wären sie als eigenes Volk aufgeblüht. Etwas, das sie momentan in einer integrativen aber nach wie vor rassistischen Gesellschaft nicht sehe.

Der uramerikanische Traum, dass jeder es schaffen könne, der sich nur genug anstrengt, ist längst zur Mär verkommen. Die soziale Ungleichheit in den USA wird immer größer. Der Reichtum der einen, ist immer auch die Armut der anderen. Das zeigt der Film AMERICAN DREAM, in dem Menschen zu Wort kommen, die so sehr um ihre Existenz kämpfen, dass sie es sich gar nicht erst leisten können zu träumen. Ein Straßenarbeiter arbeitet 60 Stunden pro Woche, sein Mindestlohn reicht aber nur gerade so für die Familie. Ein pensionierter Fotograf ist gezwungen, Trump-Merchandise auf der Straße zu verkaufen, weil er keine Rente bekommt. Statistiken und Fakten zur fatalen Ungleichheit unterstreichen die Misere der Protagonist*innen. Hier wird die weitverbreitete Vorstellung, dass jeder für sein Wohlergehen selber verantwortlich ist, zum blanken Hohn.

Die sechs Beiträge zu CLOSE UP WASHINGTON sind nicht nur Übungsprojekte von Nachwuchsregisseur*innen, sie sind eindrückliche Reportagen über eine desolate, amerikanische Gesellschaft. In all der Misere, in der sich die USA befindet, hat sich zumindest mit der Abwahl Donald Trumps ein kleiner Lichtblick aufgetan.

Tobias Obermeier