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Montag, 12.10.2020

Die Auswahljury im Interview

Ein Gespräch mit den Juroren 2020

Die Auswahljury im Interview

Wie jedes Jahr hat sich das FILMSCHOOLFEST MUNICH eine unabhängige Auswahljury eingeladen, die das internationale Programm aus den vielen Einreichungen zusammenstellt. Wir haben Ksenia Reutova (KR), Peter Azen (PA) und Sandra Engler (SE) ein paar Fragen zu diesem Auswahlprozess gestellt.

 

Ihr musstet 242 Filme sichten. Was waren eure Erwartungen bevor ihr angefangen habt?

KR: Ich war sehr aufgeregt. Als Kritikerin habe ich viele Langfilme gesehen und Kurzfilme bleiben da leider oft außen vor. Darum habe ich mich sehr auf das Sichten gefreut. Ich habe ehrlich gesagt nicht erwartet, dass Filme aus so vielen Ländern eingereicht würden.

PA: Ich mache das so: Jedes Mal, wenn ich ein neues Projekt beginne, versuche ich mich von allen Erwartungen zu lösen. Sich vorher etwas vorzustellen, kann einen in eine bestimmte Richtung drängen und ich will mich in meiner Sichtweise nicht einschränken, auch damit ich bei der Auswahl so fair wie möglich sein kann.

SE: Ich habe auch versucht, komplett ohne Erwartungen ran zu gehen – ich wollte mich überraschen lassen, egal, ob es eine gute oder schlechte Überraschung werden sollte. Und ich muss sagen: Es hat sich wirklich gelohnt! Es war wundervoll, tränenreich, angsteinflößend, beeindruckend und eine ganz besondere Erfahrung, die ich anders nicht hätte machen wollen.

 

 

Wie seid ihr bei der Sichtung der vielen Filme vorgegangen?

KR: Ich habe versucht, nicht ins Binge-Watching zu geraten. Am Anfang habe ich die Dauer aller Filme durch die Anzahl an Tagen geteilt, die ich zur Sichtung hatte. Das hieß: jeden Tag drei Stunden lang Filme schauen. An diesen Plan habe ich mich dann gehalten.

PA: So ähnlich habe ich das auch gemacht. Ich habe die Anzahl der Filme durch die Anzahl der Tage, die wir Zeit hatten, geteilt und sie über einen Monat verteilt angeschaut. Am Ende habe ich mir noch ein paar Tage freigehalten, falls ich ein paar Filme noch einmal sichten hätte müssen. Ich glaube, jeder von uns hatte da seine eigene Methode, aber diese eignete sich am besten für mich.

SE: Bei unserer Jurysitzung haben wir da auch Witze darüber gemacht, aber ich habe einen Monat lang tatsächlich nichts anderes gemacht, als Kurzfilme anzuschauen. Das hatte eigentlich nur Vorteile: Im August ist es so heiß in Spanien, dass man sowieso nicht aus dem Haus möchte. Das Ende meiner Sichtung habe ich damit gefeiert, dass ich ins Kino gegangen bin. Ich konnte offensichtlich einfach nicht genug von Film kriegen.

 

Gab es irgendwelche allgemeinen Tendenzen, die euch aufgefallen sind?

KR: Ich habe beim Sichten viel über Tendenzen nachgedacht und habe mindestens drei Themen entdeckt, die in mehreren Filmen auftauchten. Das erste ist die Erfahrung von Frauen. Viele Regisseur*innen versuchen, eine Antwort auf die Frage danach zu finden, was eine Frau in dieser oder jener Situation fühlt. Das zweite Thema ist die Zukunft – Wie wird sie aussehen? Es gab viele dystopische Geschichten. Das dritte Thema ist der Umgang mit älteren Familienmitgliedern, die schwer krank sind und Probleme mit der Kommunikation haben.

PA: Außerdem hatten wir viele politische Filme. Es ist interessant zu sehen, wo diese Filme herkommen und wie die unterschiedlichen Standpunkte in verschiedenen Regionen variieren. Ich denke, dass aufgrund von politischen Spannungen auf der ganzen Welt eine kollektive Ohnmacht gewisse Themen und Stile fördert. Immigration war ein Schwerpunkt dieses Jahr, aber es war auch wunderbar, so viele gute Filme mit LGBTQ-Thematik zu sehen.

SE: Ich denke, insgesamt macht die Mischung die Einreichungen in diesem Jahr so besonders – die Filme kamen von so vielen verschiedenen Orten und beschäftigten sich mit einer solchen Vielfalt von Themen. Mir fiel nichts ins Auge, das überrepräsentiert gewesen wäre. Ich habe es geliebt, all die verschiedenen Stile zu sehen und versucht, die Inspirationen und Einflüsse der Student*innen zu erraten.

 

Was hat euch am meisten überrascht?

KR: Ich habe nicht damit gerechnet, dass mich der Sichtungs-Prozess so packen würde. Ich konnte es jeden Tag kaum erwarten loszulegen. Und als ich komplett durch war, hatte ich am nächsten Morgen fast schon Entzugserscheinungen.

PA: Manche Filme haben mich echt umgehauen. Aber ich glaube, am meisten hat mich der Auswahlprozess überrascht. Am liebsten hätte ich jeden Film ins Programm genommen, damit sich das Publikum selbst eine Meinung bilden kann. Aber wir konnten eben nur eine bestimmte Anzahl auswählen.

SE: Mich hat überrascht, dass ich die Auswahlarbeit bis zum letzten Moment geliebt habe. Ich war so traurig, als ich die letzte Einreichung gesichtet habe, dass ich danach einige meiner Favoriten nochmal angesehen habe.

 

Haben euch irgendwelche Themen oder Genres gefehlt?

KR: Es gab nur wenige Komödien, aber ich denke, ich verstehe warum. Die Komödie ist eben immer noch das schwierigste Fach sowohl für Schauspieler*innen als auch für Regisseur*innen. Vielleicht klingt es komisch, aber ich habe die Filmküsse wirklich vermisst – insgesamt gab es eigentlich nicht so viel physischen Kontakt und romantische Liebe. Interessant, oder?

PA: Ich hätte außerdem gehofft, mehr Horror- oder Science-Fiction-Filme zu sehen. Ich war auch überrascht davon, dass wir nicht viele Filme aus Südamerika hatten oder Kurzfilme, die von POCs gemacht wurden. Aber allgemein hatten wir eine große Bandbreite an Genres und Themen aus allen möglichen Teilen der Welt.

SE: Ich finde es immer schwierig, danach zu urteilen, was nicht da ist. Ich weiß ja nicht, was hätte sein können. Die Vielfalt und Diversität in den Einreichungen, sowohl vor als auch hinter der Kamera, machten sie für mich zu einer wirklich tollen Sammlung von Filmen. Ich denke, diese Diversität kann man auch in der Auswahl erkennen, die wir getroffen haben und ich hoffe, dass die Filme die Zuschauer so sehr ansprechen wie mich.

 

Wie war die Abstimmung mit den andere zwei Jurymitgliedern: Wart ihr euch einig über die Filme, die euch gefallen haben, oder musstet ihr für eure Lieblinge kämpfen?

KR: Es war deutlich einfacher als ich zunächst dachte. Wir hatten keine großen Konflikte oder Uneinigkeiten. Und es hat so viel Spaß gemacht miteinander über Filme zu sprechen.

PA: Wir waren drei Jurymitglieder aus drei verschiedenen Ländern und mit unterschiedlichen Hintergründen. Es gab Filme, die ich geliebt habe, aber die gar nicht in die Endauswahl gekommen sind, und ich glaube, den anderen ging es ähnlich. Aber jeder hat den anderen zugehört und wir hatten sehr interessante Diskussionen. Ich hatte eine schöne Zeit bei der Zusammenarbeit mit den anderen Auswahljurymitgliedern.

SE: Ich war auch sehr überrascht davon, wie kompatibel unser Filmgeschmack war! Wir waren uns vielleicht nicht bei jedem einzelnen Kurzfilm einig, aber das ist das tolle an der kleinen Jury, die das Festival-Team ausgewählt hat: Wir konnten uns hervorragend zu den Filmen austauschen. Deshalb war auch das Gespräch innerhalb der Jury für mich genauso wertvoll wie das Sichten der Filme. Ksenia und Peter haben mich sogar einen meiner Lieblingsfilme ins Programm aufnehmen lassen, obwohl sie ihn gar nicht so toll fanden. Ich schulde ihnen also etwas und danke ihnen von Herzen.

 

Passt die Erfahrung, die ihr gemacht habt, zu euren Erwartungen?

KR: Absolut. Ich habe erwartet, dass die Kurzfilme aus den unterschiedlichen Ländern mir einen Panoramablick auf unsere Welt geben – und genau das habe ich bekommen. Außerdem ist das technische Level sehr hoch, die Analysen scharfsinnig und die emotionale Bandbreite riesig. Ich habe mir einige Namen gemerkt und werden die Arbeit dieser Regisseur*innen definitiv verfolgen.

PA: Wie ich schon gesagt hatte, habe ich meine Erwartungen soweit es geht zurückgeschraubt, aber ich denke schon, dass wir eine gute Anzahl an großartigen Filmen aus der ganzen Welt hatten. Ich bin sehr zufrieden mit dem finalen Programm und freue mich sehr darauf, die ausgewählten Filme im November mit den Zuschauer*innen zu teilen.

SE: Es war so eine fantastische Erfahrung, ich wünschte, ich könnte das jedes Jahr machen. Ich kann definitiv sagen, dass alle Erwartungen, die ich möglicherweise hatte, übertroffen wurden.