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Montag, 07.10.2019

Die Auswahljury im Interview

Ein Gespräch mit den Juroren 2019

Die Auswahljury im Interview


258 eingereichte Kurzfilme aus aller Welt bei einer Gesamtspielzeit von über 60 Stunden - die Filmschoolfest-Auswahljury hatte alle Hände voll zu tun, um das Programm für das diesjährige Festival zu gestalten. Filmemacher Neven Samardžić und Leonie Stade und Programmerin und Projektmanagerin Egle Cepaite (Portrait) haben sich im September in München getroffen, um über die gesichteten Filme zu diskutieren. Wie die Entscheidung für sie war, erzählen Egle Cepaite (EC), Neven Samardžić (NS) und Leonie Stade (LS) im Interview.


Ihr hattet 258 Filme zu schauen und zu bewerten. Wie seid ihr dabei vorgegangen und mit welchen Erwartungen seid ihr die Aufgabe angegangen?

EC: Es gab viele Filme zu sehen und ich wollte einen objektiven und rücksichtsvollen Weg finden, dies zu tun. Ich sortierte die Filme nach ihrer Länge und sah mir für ein paar Wochen jeden Tag ein paar Stunden an - ohne auf die Filmschule, das Land, den Regisseur, die Synopse oder andere verfügbare Informationen über den Film zu achten. Ich wollte mich von allen Programmierungsstrategien befreien (z.B. von der Berücksichtigung von Land, Geschlecht, Thema, Genrevielfalt im endgültigen Programm) und alle Filme mit gleichem Respekt und Offenheit ansehen. Die einzige Erwartung, die ich hatte, war, bewegt zu werden. Was ich sah, übertraf meine Erwartungen bei Weitem.

LS: Zuerst habe ich mir einen Plan aufgestellt und festgelegt, wieviele Stunden ich täglich schauen muss, damit ich die 65 Stunden Film gut unterbekomme und am Schluss kein „binge watching“ betreiben muss. Um auch wirklich jedem Film gerecht zu werden. Für die Auswahl habe ich mir natürlich klassische Kriterien herangezogen wie: Cast, Kameraarbeit, Look, Thema, Art der Umsetzung, Filmische Mittel usw. Aber zwei weitere Kriterien waren mir persönlich fast noch wichtiger. Erstens: Löst der Film in mir Emotionen aus und wenn ja welche? Und Zweitens: Möchte ich von diesem Regisseur mehr sehen? Ein Film kann perfekt gemacht sein, aber dennoch nichts im Zuschauer auslösen. Gleichzeitig kann auch ein Film mit Fehlern, Ecken und Kanten Gefühle erwecken oder - durch seine besondere Herangehensweise - Lust auf mehr machen. Gerade im Nachwuchsbereich war mir Letzteres sehr wichtig. Auch um die Filmemacher zu ermutigen und zu signalisieren, dass sie weiter machen sollen.

NS: Es war schon eine große Aufgabe, sechzig Stunden Material zu sichten und die ganze Zeit einen frischen Blick zu bewahren. Aber die Gesamtqualität der eingereichten Filme hat mich durchgebracht. Vorab habe ich, um ehrlich zu sein, mit weniger guten Filmen gerechnet, aber so hat mich die hohe Qualität durch die riesige Menge an Filmen gerettet.

Was interessiert euch persönlich am meisten an einem Film?

LS: Ein Film muss bei mir entweder ein Gefühl auslösen oder mich unterhalten, informieren oder zum Nachdenken anregen. Wenn nichts davon gegeben ist, tue ich mich schwer einen Grund zu finden warum ich mir diesen Film ansehen soll.

NS: Ich versuche die Intention des Filmemachers einzuschätzen. Doch am meisten zählt für mich die Story. Charaktere und ihre Beziehungen, Handlungsstränge und Atmosphäre - das ist es, was mich antreibt.

EC: Es ist der Prozess des Zuschauens, der mich wirklich interessiert: Ich möchte vor dem Schauen so wenig wie möglich über einen Film wissen, um in seiner Welt zu versinken, während sich der Film entfaltet. Ich will am Anfang nicht zu viel verstehen. Dann möchte ich nach und nach ein Gefühl erkennen, etwas, das schmerzhaft vertraut oder überraschend neu ist.

Welche Art von Filmen schaut ihr privat am liebsten? Habt ihr einen absoluten Lieblingsfilm?

EC: Das Schönste beim Filmeschauen ist, wenn ein Film einen überrascht. Wenn ein Film so lebendig ist, dass man nicht widerstehen kann. Er vermittelt ein Gefühl, er regt zum Nachdenken an. Ich mag keine bestimmte Art von Film, kein Genre, kein Thema oder Stil, ich versuche neugierig zu bleiben und so viele verschiedene Filme wie möglich zu sehen. Es gibt so viele wunderbar überraschende Filme. Aber derjenige, der bei mir aktuell den größten Eindruck hinterlassen hat, ist KAILI BLUES (2015) von Bi Gan.

NS: Ich möchte für alles offen sein - Mainstream, Arthouse, was auch immer.... Ich liebe Filme einfach!

LS: Fast alle Genres. Dokumentarfilme, Mischformen, schwarze Komödien, Komödien, Horror, Drama, Thriller, Sci-Fi. Nur auf Actionfilme, in denen amerikanische Präsidenten gerettet werden, stehe ich nicht so. Einen absoluten Lieblingsfilm habe ich nicht, aber zu meinen Favoriten zählt BRAZIL von Terry Gilliam.

Was ist euch bei eurem Filmmarathon aufgefallen? Sind bestimmte Themen hervorgestochen? Oder gab es Länder, die im Vergleich besonders auffällig waren?

NS: Das Land, das mich am meisten überrascht hat, war Myanmar. Es war das erste Mal, dass ich Filme von dort gesehen habe, und ich mochte sie wirklich alle. Sie waren alle Dokumentationen mit klaren, gut erzählten und gesellschaftlich relevanten Geschichten.

LS: In Summe fand ich dich Qualität der Filme wirklich hoch. Es war meistens ein großes Vergnügen die Filme zu sichten. Es gab viele Filme zum Thema Flucht. Viele Dramen. Filme über Selbstfindung, Coming of Age, Sexualität. Die Dokumentarfilme erzählten oft persönliche Geschichten der Filmemacher. Ich habe mich gefreut dass es auch Filme über den Versuch des Aufbrechen von totalitären Systemen gab, über Menschen mit Depression, über Jugendliche und Soziale Medien und sogar Sci-Fi, was gerade mit kleinem Budget ja immer gute und neue Ideen erfordert.
Es gab fast aus jedem Land herausragende Filme. Ich habe mit großer Freude die israelischen Filme gesehen. War begeistert vom filmischen Realismus einiger polnischer und ungarischer Filme. Und habe mit Genuss die Filme der nordischen Länder mit ihrer besonderen Art und dem tollen schrägen Humor gesichtet.

EC: Wir haben in unseren Gesprächen erst ziemlich spät gemerkt, dass die Deutschen in diesem Jahr die stärksten Animationsfilme geliefert haben, sehr interessant! Isreal hob sich als das Land ab, das eine beeindruckende Anzahl großartiger Filme einreichte. Myanmar, dessen Kino im Ausland so wenig bekannt ist, bot uns eine Auswahl an eindrucksvollen Dokumentationen. Ich war beeindruckt von dem Mut so vieler junger Filmemacher, sehr persönliche Familiengeschichten zu erzählen und diese Geschichten universell ansprechend darzustellen. Geschlecht, Sexualität, Weiblichkeit, Body Positivity, mentale Gesundheit, Coming-of-Age-Problematiken waren in vielen Kurzfilmen wiederkehrende Themen, und das ist für die Zukunft des Kinos sehr vielversprechend.

Was war die größte Überraschung?

EC: Die größte Überraschung für mich war die Gesamtqualität der eingereichten Arbeiten: Ich war bereit für ein wenig Amateurhaftigkeit, technische Fehler, Nachahmungen und naiven Maximalismus. Stattdessen sah ich eine Auswahl von mehr als 60 Stunden professionell gestalteten, ästhetisch anspruchsvollen Werken mit unterschiedlichen Stimmen, interessanten Ansätzen und sehr reifer Behandlung verschiedener Themen.

LS: Myanmar.

Gab es Themen oder Genres, die ihr vermisst habt?

LS: Ja, natürlich. Aber wenn alles schon abgedeckt wäre, wäre es auch langweilig.

NS: Komödien. Das ist aber vollkommen verständlich - es ist schließlich sehr schwer, eine gute Komödie zu machen.

EC: Ich würde nicht sagen, dass ich irgendwelche Themen oder Genres vermisst habe, aber es gab nur sehr wenige Experimentalfilme.

Wart ihr euch schnell einig, was die Filmauswahl anging oder wurde viel diskutiert?

LS: Bei den meisten Filmen, die wir besonders gut oder schlecht fanden, waren wir uns schnell einig. Aber es gab natürlich vereinzelt auch Filme, die nur eines der drei Jurymitglieder besonders gut fand. Da hängt es dann sehr stark davon ab, wie sehr das jeweilige Jurymitglied für seinen „Liebling“ kämpft und vor den anderen Jurymitgliedern mit den Stärken des Filmes argumentiert. Wenn mir ein Film besonders gefällt, kann ich da sehr nervig werden.

EC: Es gab keinen Streit, aber natürlich einige Kompromisse. Es war sehr aufregend, die anderen Jurymitglieder zu treffen, um endlich Meinungen über die Filme auszutauschen, die wir unabhängig voneinander gesehen hatten. Ich finde, die Chemie zwischen uns war großartig, wir respektierten einander und hörten einander zu, auch in den seltenen Fällen, in denen wir nicht einer Meinung waren. Einige der Ansichten meiner Kollegen waren so präzise und überzeugend, dass ich die ersten Eindrücke, die ich bei ein paar Filmen hatte, überdenken musste. Es ist ein sehr interessanter Prozess. Einen großen Teil des Programms konnten wir sofort durchwinken, basierend auf den unabhängigen Ratings, die wir vor der Sitzung abgegeben hatten. Der andere, schwierigere Teil, bestand darin, die größtmögliche, überzeugendste Varianz an Stimmen in das weitere Programm mitaufzunehmen.

NS: Wir waren uns von Anfang an sehr einig und mussten überhaupt nicht streiten. Wir hatten die gleiche Vision, die sich in der Endauswahl widerspiegelt.

Welche Empfehlung habt ihr für die Studenten und Zuschauer, um das Meiste aus ihrem Filmschoolfest-Besuch rauszuholen?

EC: Ich hatte noch keine Gelegenheit, das Filmschoolfest selbst zu besuchen. Ich hoffe, das wird sich dieses Jahr ändern! Festivals sind ein großartiger Ort, um mit dem eigenen Geschmack zu experimentieren. Probiert Neues aus und nutzt jede Chance zum Austausch mit anderen jungen Filmemachern!

NS: Ganz einfach - Filme ansehen und mit den Leuten, die sie gemacht haben, darüber sprechen.

LS: Ich lasse mich am liebsten einfach in einen Film hineinziehen, ohne davor die Inhaltsangabe zu lesen. So geht man neutral und ohne Erwartungen in den Film. Und so entstehen für mich auch manchmal diese besonderen „Festival-Momente“. Wenn einen ein Film plötzlich total in seinen Bann zieht, man überrascht wird und total dabei ist. Das ist für mich immer etwas Besonderes, was nur im Kino und meistens auf Festivals entstehen kann. Ein bisschen Planung sollte schon sein (damit man möglichst viele Filme und etwas von der schönen Stadt sehen kann), aber man sollte auch - ganz wichtig - immer Raum lassen, um sich treiben zu lassen. So entstehen doch oft die schönen Momente und Begegnungen.