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Mittwoch, 23.09.2015

Interview mit #fsfmuc Alumni Marc Schlegel

SCHMIDTS KATZE ab 24.09. im Kino

 

Nach großen Festivalerfolgen mit seinem Diplom-Kurzfilm DAS BEGRÄBNIS DES HARALD KRAMER (u.a. drei Preise auf dem Filmschoolfest Munich 2013) arbeitete Marc Schlegel an seinem ersten Langspielfilm, der Komödie SCHMIDTS KATZE, die am 24.09. ins Kino kommt. Hier erzählt der Regisseur von seinem Debütfilm, der Bedeutung von Filmhochschulen und besonderen Festivalerfahrungen.

 

Marc, Du hast an der Filmakademie Wien Regie studiert. Warum Wien?

Die Studienplätze an den seriösen Filmhochschulen sind extrem begrenzt, so werden z.B. an der Filmakademie Wien im Jahr nur vier Regiestudenten aufgenommen. Ich habe mich deshalb an vielen Filmhochschulen beworben und in Wien hat es letztendlich geklappt. Die Filmakademie Wien ist eine sehr gute Uni, an der einem viel Freiraum geboten wird und ich bin froh, dass ich dort studieren konnte.

 

Ist eine Filmhochschule für Dich der perfekte Einstieg ins Filmfach?

Generell halte ich das Studium an einer Filmhochschule für extrem wichtig für den Berufseinstieg. Quereinsteiger haben es meiner Meinung nach wesentlich schwerer, sich das nötige Vertrauen bei Produktionsfirmen und Redaktionen zu verschaffen. Auch das Netzwerk, das man an einer Filmhochschule aufbaut, ist wichtig. Gerade bei meinem aktuellen Projekt SCHMIDTS KATZE habe ich einige Leute dabei gehabt, die ich aus dem Studium kenne, wie meinen Kameramann Anselm Hartmann und meine Szenenbildnerin Désirée Salvador, die beide auch bei DAS BEGRÄBNIS DES HARALD KRAMER dabei waren. Im Studium kann man sich ausprobieren, zusammen kleine Filme machen. Man weiß, wie der andere tickt, und deswegen hatte ich mit Anselm und Désirée ein super Gefühl, an ein langes Projekt zu gehen. Dazu kommt die Infrastruktur, die so eine Schule bietet. Studios, Equipment, Know-how, Material, das man sich sonst teuer mieten muss. Es ist natürlich ganz viel wert, wenn das alles vorhanden und auch nutzbar ist.

 

Das Begräbnis des Harald Kramer
DAS BEGRÄBNIS DES HARALD KRAMER

 

Dein Abschlussfilm DAS BEGRÄBNIS DES HARALD KRAMER hatte durschlagenden Erfolg – u.a. drei Preise beim Filmschoolfest 2013. Wie ging es danach weiter?

Der Film lief und läuft noch weltweit auf Filmfestivals. Er hat viele weitere Preise gewonnen, unter anderem Bronze beim Camerimage Festival und den Preis für den besten Studentenfilm beim L.A. Comedy Shorts Film Festival.

 

Abgesehen von möglichen Auszeichnungen, ist die Teilnahme an Festivals wichtig für einen Filmemacher?

Gerade was Kurzfilme angeht sind Filmfestivals extrem wichtig. Schließlich sind sie oft die einzige Möglichkeit, Kurzfilme auf die Kinoleinwand zu bringen. Davon abgesehen sind das Netzwerken und der Austausch mit anderen Filmemachern sehr wertvoll. Der Festivalzyklus für einen Kurzfilm beträgt etwa zwei Jahre. Danach ist es schwer, die Filme zu sehen. Ich werde jetzt versuchen, meinen ersten Kurzfilm BASTAGON UND DIE REGENBOGENPRINZESSIN irgendwie im Netz unterzubringen. Wahrscheinlich in einer kostenlosen Form auf Vimeo oder YouTube, kein Bezahlmodell. Die Oma oder der Onkel geben für einen Kurzfilm vielleicht Geld aus, aber in echt funktioniert das glaube ich nicht. Ich kenne zumindest niemanden, der sich mit Leidenschaft Kurzfilme auf YouTube anschaut, die nicht nur drei Minuten lang und saumäßig lustig sind. Deswegen bleibt das Festival die wichtigste Adresse.

 

Gibt es besondere Festivalerlebnisse?

Die zwei coolsten Festivals auf denen ich mit meinen Filmen war, waren München und L.A. Das Filmschoolfest in Münchenwar eines der nettesten Festivals und auch eines der am besten organisierten. Das war auf jeden Fall eine tolle Erfahrung. Und dass wir so abgeräumt haben, hat das Erlebnis dann natürlich noch einmal getoppt. Das L.A. Comedy Shorts Film Festival, ein kleines, aber feines Festival, gibt es leider nicht mehr. Gary Anthony Williams, der es bisher organisierte, hat eine feste Rolle in einer neuen Sitcom bekommen und kann es deswegen nicht mehr veranstalten. Er hat früher in „Malcolm in the Middle“ und „How I Met Your Mother“ gespielt. Für uns war das eine ganz wichtige Erfahrung, zu sehen, was die Leute in Amerika so machen. Unser Film war die einzige nicht englischsprachige Produktion, die dort lief. Es war einfach toll zu sehen, wie die Kurzfilmszene und speziell die Comedyszene in Amerika funktioniert. Viele tolle Leute waren dort. Weird Al Yankovic, viele von „Saturday Night Life“, und Reggie Brown hat die Preisverleihung moderiert. Wir hätten nie gedacht, dass wir dort einen Preis gewinnen. 85-90% der Kurzfilme auf diesem Festival waren praktisch Web-Content. Die Filme waren im Schnitt vier bis fünf Minuten lang mit einer Pointe nach der anderen. Es gab wenig Filme, die tatsächlich einen Protagonisten hatten und dramaturgische Bögen spannten. Die Zuschauer im Kino haben nicht aufgehört zu lachen. Dann fängt unser Film an. Ganz ruhig, mit Untertiteln und mit 30 Minuten auch sehr lang für einen Kurzfilm. Die Klimaanlage wird auf einmal hörbar. Da sind wir echt nervös geworden. Es war einfach eine andere Art von Humor. Die Amerikaner haben dann ganz ruhig dagesessen und Untertitel gelesen. Danach haben sie gesagt, wie toll sie es fanden. Ich habe aber während der Vorstellung gedacht, wir kommen da so was von nicht an. Und dann noch einen Preis mit nach Hause zu nehmen, das ist nochmal besonders und auch überraschend gewesen.

 

Haben die Preise Einfluss auf kommende Projekte gehabt?

Preise und Festivalerfolge können sehr hilfreich sein. Vor allem, wenn es darum geht, Schauspieler oder Geldgeber für ein neues Projekt zu gewinnen. Was mein aktuelles Projekt SCHMIDTS KATZE angeht, war das sicher an der einen oder anderen Stelle auch so. Es macht es für viele einfacher sich auf die Arbeit mit einem Debütanten einzulassen, wenn sie wissen, dass der schon mal einen halbwegs erfolgreichen Kurzfilm hinbekommen hat.

 

Schmidts Katze
Christiane Seidel, Michael Lott und Michael Kessler in SCHMIDTS KATZE

 

Dein Langfilm-Debüt SCHMIDTS KATZE kommt am Donnerstag ins Kino – Wie lief der Dreh?

Sehr gut! Es war eine sehr intensive und teilweise auch anstrengende Drehzeit, nicht zuletzt weil wir mit sehr geringen Mitteln einen sehr aufwändigen Film umgesetzt haben. SCHMIDTS KATZE handelt von einem Spießbürger, der zum Frustabbau heimlich Autos anzünden geht. Bei einem dieser Brandanschläge verletzt er eine Frau, die er in Panik mit nach Hause nimmt und die dann sein Leben gehörig durcheinander bringt. Eine schwarzhumorige Actionkomödie für die wir unter anderem vier Autos zur Explosion gebracht haben.

 

Schon bei DAS BEGRÄBNIS DES HARALD KRAMER hast Du mit Michael Thomas zusammengearbeitet, jetzt mit Christiane Seidel – bekannt aus „Boardwalk Empire“ – und bekannten Gesichtern der deutschen Comedy-Szene. Wie castest Du?

Obwohl wir aufgrund unseres kleinen Budgets allen Schauspielern nur eine sehr geringe Einheitsgage zahlen konnten, stand das Casting unter der Prämisse „mit wem wollten wir immer schon mal zusammenarbeiten“. Mit dieser leicht größenwahnsinnigen Einstellung sind wir dann an die Schauspieler herangetreten und ich war völlig perplex, dass wir mit unserem Projekt nach und nach Interesse bei so vielen renommierten Leuten wecken konnten. Unsere Casterin Virginia Schmidt war ziemlich mutig. Es war eines der größten Projekte, das sie bisher gemacht hat. Sie ist auch eine Berufsanfängerin und das war wirklich eine ganz beeindruckende Leistung. Wir haben dann mit Michael Kessler, Michael Lott und Franziska Traub Probeaufnahmen veranstaltet und es war schnell klar, dass dieses Kernensemble fantastisch funktionieren wird. Auch Christiane Seidel haben wir einfach angefragt und ihr die Hauptrolle angeboten. Wir waren total überrascht, als nach wenigen Tagen der Anruf aus Los Angeles von ihrem Management kam: Christiane findet das Buch lustig und möchte gerne skypen. Wir haben uns dann eigentlich nur eine Stunde per Skype unterhalten und ich habe gleich gemerkt, dass sie perfekt passt. Eine Hauptrolle ohne vorherige Probeaufnahmen zu besetzen, ist immer mit einem gewissen Risiko verbunden. Christiane hat uns aber alle von den Socken gehauen und es war großartig mit ihr arbeiten zu können. Dennoch ist nach dem Gespräch eigentlich erst der schwierige Teil losgegangen. Wenn man amerikanische Schauspieler bei deutschen Produktionen beschäftigt, muss man unglaublich viele Dinge beachten, um nicht in Konflikt mit den Regeln der Screen Actors Guild zu kommen. Bis von der rechtlichen Seite dann alles geregelt war, hat es relativ lange gedauert und der Prozess war mit einem sehr großen Aufwand verbunden. Letztlich bekamen wir dann ein paar Wochen vor Drehbeginn grünes Licht und Christiane konnte mit uns drehen. Darüber hinaus hat es mich sehr gefreut, dass wir auch in den Nebenrollen mit Tom Gerhardt, Volker Zack Michalowski, Helmut Krauss und Désirée Nick unserer Prämisse treu bleiben konnten.

 

Der Film entstand in Zusammenarbeit mit dem SWR und wird in der Reihe ‚Debüt im Dritten‘ gezeigt. Wie ist es dazu gekommen? Und wie läuft die Zusammenarbeit mit der TV Redaktion?

Die Produktionsfirma Film- und Fernsehlabor Ludwigsburg hatte den Stoff und ein Bildertreatment vorliegen und stand bereits im Kontakt mit unserer Redakteurin, als ich Ende letzten Jahres zu dem Projekt dazukam. Unsere Producerin hat DAS BEGRÄBNIS DES HARALD KRAMER in der Vorauswahljury für die Filmschau Baden-Württemberg, in der sie damals war, gesehen. Ihre Produktion war schon längere Zeit auf der Suche nach einem Debütanten, der Komödien macht. Sie hat dann sozusagen eins und eins zusammengeführt.

Dann folgte eine intensive Zeit der Stoffentwicklung und des Castings. Zum Glück bekam ich dabei von Anfang an sehr viele Freiheiten von Seiten der Redaktion eingeräumt. Das Debüt im Dritten bietet eine tolle Chance mutig zu sein und auch die Möglichkeit Filme umsetzen zu können, die im „normalen“ TV-Betreib fast nicht zu realisieren wären.

 

Du kommst aus der Nähe von Stuttgart. „Zu Hause“ zu drehen, war das etwas Besonderes?

Es war wirklich eine Erfahrung. Ich war zehn Jahre weg von Daheim. Für das Projekt wieder so lange da zu sein, ist schön. Ich hab den Stoff dann auch absichtlich noch ein bisschen regionalisiert. Damit das Schwäbische rauskommt.

 

DAS BEGRÄBNIS DES HARALD KRAMER war ein sehr österreichischer Film, SCHMIDTS KATZE spielt in der schwäbischen Provinz und es wird geschwäbelt. Welche Rolle spielen regionale Eigenheiten, wie Dialekte, für Komödien?

Ich bin ein großer Freund davon, wenn in Filmen Dialekt gesprochen wird, übrigens nicht nur in Komödien. Für die Komödie sind Dialekte aber besonders hilfreich, weil sie den Figuren, auch wenn sie überzeichnet sind, eine gewisse Authentizität verleihen. Wenn sich wie in SCHMIDTS KATZE im Ländle eine Bürgerwehr gründet, um den Brandstifter zu jagen, der schon wieder n´Daimler angezündet hat, geht das gar nicht auf Hochdeutsch.

 

BASTAGON UND DIE REGENBOGENPRINZESSIN, DAS BEGRÄBNIS DES HARALD KRAMER, SCHMIDTS KATZE sind alles Komödien. Fühlst Du dich in diesem Genre besonders zu Hause?

Absolut. Eigentlich möchte ich sagen, weil es Spaß macht, aber so viel mehr Spaß macht es gar nicht. Man lacht ja nicht nur die ganze Zeit, wenn man am Set ist, sondern es ist genauso anstrengend wie einen anderen Film zu drehen. Aber letztendlich ist es angenehmer. Es hat auch etwas damit zu tun, wie man sein Leben verbringen möchte. Man verbringt mit einem Film unglaublich viel Zeit, wenn man vom Drehbuch bis zu den Festivals alles mit einrechnet. Und ich schaue diese vielen Jahre lieber auf eine Komödie als auf ein Kinderschänderdrama, mit dem ich mein Leben teile.

 

Was macht eine gute Komödie aus?

Ernsthaftigkeit. Egal wie absurd die Situationen oder wie überzeichnet die Charaktere sind, man muss sie absolut ernst nehmen. Erst wenn man die Tragik, die jeder guten Filmfigur innewohnt, spürbar macht, schafft man die nötige Fallhöhe, die jede funktionierende Komödie braucht.

 

Hast Du Vorbilder im Komödienfach?

Ich bewundere jede Sitcom, die Chuck Lorre gemacht hat, und bin ein großer Fan von ihm. Auch Helmut Dietl hat mich immer total fasziniert, weil er es unglaublich gut geschafft hat, Dinge, die sowieso schon absurd sind, noch einmal zu überhöhen, ohne dass es peinlich wird. Im Gegenteil, dass es sogar wirklich grandios wird. „Schtonk“ ist einer meiner Lieblingsfilme. Die Geschichte ist ja an sich schon wahnwitzig und er erzählt sie trotzdem als Komödie. Normalerweise ist das der Killer, wenn man schon völlig absurde Stoffe auch noch überdreht. Helmut Dietl hat das aber in Perfektion geschafft. John Waters begleitet mich auch seit vielen Jahren. Da geht es weniger um die Qualität als Filmemacher als darum, unglaublich viel Mut zu haben bei dem, was man tut. Und wenn einer mutig war, dann war es John Waters.

 

Gibt es andere Genres, die Dich interessieren würden?

Auf jeden Fall. Wenn der Stoff interessant ist, ist das Genre zweitrangig.

 

Interview: Mara Rusch

 

SCHMIDTS KATZE kommt am 24. September in die deutschen Kinos.
Trailer / Offizielle Website