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Dienstag, 12.11.2013

The President

Interview mit Jury-Präsident Suri Krishnamma

Vor 27 Jahren waren Sie als junger Filmstudent zu Gast auf dem INTERNATIONALEN FESTVIAL DER FILMHOCHSCHULEN MÜNCHEN. Wie war das damals?
München war für mich das Tor in eine andere Welt. Ich hatte zum ersten Mal einen Film auf einem Festival. Und diese Erfahrung mit anderen Filmstudenten aus so vielen verschiedenen Ländern und Kulturen zu teilen, das war schon toll. Besonders gut habe ich die polnischen Kollegen in Erinnerung - und wie sie gegen die damals herrschenden Beschränkungen in Osteuropa mit Metaphern arbeiteten. Für mich öffnete sich eine Tür in eine neue Welt, die ich gerne und erwartungsvoll betrat. Und da warteten auch noch ganz andere Erfahrungen. Nicht nur, dass ich eines morgens aufwachte und die ganz Stadt unter einer Schneedecke lag. Einmal ließ ich mich sogar darauf ein, mit einem meiner neuen polnischen Freunde Wodka um die Wette zu trinken.


Suri Krishnamma als Student

Und wie war es, Ihren Kurzfilm "Mohammed's Daughter" erstmals einem größeren Publikum vorzustellen?
Man kann das gar nicht richtig beschreiben - dieses Gefühl im Magen, wenn Nervosität, Aufregung und Angst mit den Nachwirkungen der letzten Nacht zusammenprallen. Ich war stolz auf mein Werk und freute mich, es zum ersten Mal im Kino zu sehen. Während der Abspann lief, hatte ich keine Ahnung, wie der Film angekommen war. Im Publikum herrschte respektvolles Schweigen. "Ich glaube, er hat ihnen nicht gefallen", flüsterte ich einem Studienkollegen zu. "Ich glaube schon", antwortete der. Dann kam der Applaus. Als mein Name auf der Leinwand erschien, drehte ich mich um und sah Leute stehend applaudieren, strahlende Gesichter, ein paar sogar mit Tränen in den Augen. Da habe ich zum ersten Mal ernsthaft daran geglaubt, ich könnte später damit wirklich einmal Geld verdienen …


MOHAMMED'S DAUGHTER

Das Festival war also nicht ganz unentscheidend für Ihren späteren Lebenslauf …
München hat mich tatsächlich zu der Überzeugung gebracht, dass ich Filmemacher werden könnte. Ich bekam Feedback zu etwas, dass ich selbst gemacht hatte (Ich hatte auch das Drehbuch geschrieben, zusammen mit meiner Schwester, auf deren eigenen Erfahrungen es basierte) - und das auch noch von so ganz unterschiedlichen Menschen. Das hat mich in dem Glauben bestärkt, dass ich vielleicht Geschichten erzählen kann, die auch anderswo auf der Welt funktionieren.

Sie haben seitdem als Regisseur sehr viel Unterschiedliches gemacht - Kinospielfilme, Dokumentarfilme, TV-Serien, Kurzfilme, Musikvideos … Muss man das heutzutage als Filmemacher, um zu überleben?
Ich habe schon früh den Entschluss gefasst: wenn ich das Gefühl habe, eine Geschichte ist es wert, erzählt zu werden, dann versuche ich auch, sie zu erzählen - egal in welchem Medium. Ich habe auch verstanden, dass sich manche Geschichten besser für gewisse Formate eignen als für andere. Ich habe für die BBC ein vierstündiges ("A Respectable Trade") und ein sechsstündiges Drama ("The Cazalets") gedreht. Solche Geschichten kann man aufgrund ihrer Länge nicht so leicht im Kino erzählen, daher das Format als Mini-Serie. Und während in Großbritannien Kinofilme oft zu kämpfen haben, sind Filme im Fernsehen sehr erfolgreich. Deshalb ist die Qualität im Fernsehen manchmal genauso hoch, wenn nicht höher. Und das gilt auch in vielen Fällen für den Einfluss des Regisseurs. Ich habe mich also in meiner Laufbahn nie bewusst für ein Medium entschieden, sondern immer nur für bestimmte Geschichten.

Woran arbeiten Sie zur Zeit?
Ich entwickle gerade gleichzeitig mehrere Spielfilme und einen Dokumentarfilm. Daneben unterrichte ich Filmproduktion an der Norwich University of the Arts. Bei den Filmen handelt es sich um 'Being Hamlet', 'Something Great' (über Ray Foulk, ein Mann, der Bob Dylan 1969 auf der Isle of Wight wieder auf die Bühne zurückholte), 'Megan's Game' (ein Romantic Thriller nach einem Roman von Tony Drury, der Anfang nächsten Jahres gedreht werden soll), 'The Sullivan Conspiracy' (ein Drama über ein politisches Komplott) und 'Bobby' (ein Dokumentarfilm über Bobby Moore, den einzigen Engländer, der jemals den Fußball-WM-Pokal in Händen halten durfte). Einerseits bin ich also in der aufregenden Phase zwischen Projekten, wo neue Ideen entstehen und sich neue abenteuerliche Unternehmungen mit neuen Hoffnungen und neuen Horizonten abzeichnen. Andererseits ist diese Phase aber auch die Hölle. Aber ich denke daran, was Woody Allen mal gesagt hat: "Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähl ihm von deinen Plänen für die Zukunft!"


Suri Krishnamma am Set

Wie ist es, jetzt als Jury-Präsident aufs Festival zurück zu kommen?
Es ist eine große Ehre für mich. Ich bin aufgeregt und freue mich schon sehr. Vor allem darauf, im Dunkeln zu sitzen und die Filme mit der gleichen gespannten Erwartung anzuschauen, die ich damals als Student hatte. Es ist ein Privileg, die Welt durch die Augen anderer zu sehen. Darauf freue ich mich. Als ich noch Student war, hat mir ein Dozent mal gesagt, er stelle sich nach jedem Film zwei einfache Fragen: Passiert da etwas? Und: Berührt mich das? Beantwortet man beides mit 'Ja', dann funktioniert der Film. Man sucht Momente wirklicher Individualität, in denen man den Filmemacher selbst spürt, in denen etwas Echtes, etwas Ursprüngliches und Wahres rüberkommt. Ob ich auch Angst vor etwas habe? Ich glaube nicht (obwohl ich diesmal nächtliche Wodka-Wetten auf jeden Fall vermeiden werde). Ich hoffe nur, dass es schneit.

Sie werden in München unter dem Titel "The Outsider" auch eine Masterclass abhalten. Was erwartet die Zuhörer?
Ich will sie kurz durch mein bisheriges Werk führen - und ab und an Ausschnitte aus meinen Filmen und TV-Dramen zeigen. Um klar zu machen, wer ich bin, und einigen der Themen und Charaktere nachzugehen, die mich am stärksten interessieren. Ich habe die Masterclass unter die Überschrift "The Outsider" gestellt. Denn das ist ein Thema, das mich anzieht, das ich oft (meist unterbewusst) erforsche, besonders auch da, wo meine Arbeit persönlich wird. Menschen finden sich aus allen möglichen Gründen in der Außenseiterrolle des gesellschaftlichen Mainstreams. Manchmal aus eigenem Antrieb, weil sie sich von der Gesellschaft eingeengt fühlen, aber doch häufiger ohne eigenes Zutun. Manche aufgrund von kulturellen Unterschieden oder Vorurteilen, manche aufgrund (physischer oder psychischer) Behinderungen, manche, weil sie sich nach Niederlagen oder Verlusten emotional zurückziehen u.s.w. Wahrscheinlich steckt in jedem von uns zu einem gewissen Grad ein Außenseiter. Ich möchte ein paar von meinen Erkenntnissen dazu zur Debatte stellen.
(Masterclass "The Outsider", Donnerstag, 21. November, HFF Audimaxx, Offen für alle Interessierten)

Der Jury-Präsident stellt während des Festivals immer einen eigenen Film vor. Sie haben "A Man of No Importance" (1994), Ihren ersten Langfilm ausgewählt. Warum?
Weil "A Man of No Importance" das Wesentliche des Außenseiter-Daseins erfasst. Es spielt im Irland der 1960er Jahre und erzählt die Geschichte von Alfie Byrne (Albert Finney), einem Busschaffner in Dublin, der in einem Gemeindesaal eine Aufführung von Oscar Wildes Stück "Salome" organisieren will. Alfie fühlt sich zum Fahrer seines Busses hingezogen, den er "Bosie" nennt. Doch er sieht sich mit einer Umwelt konfrontiert, die ihn nicht verstehen kann - weil er sich in einer Gesellschaft, in der Homosexualität illegal ist, zu seiner Liebe bekennt. Für diesen ersten langen Film konnte ich herausragende Schauspieler gewinnen, die damals zu den besten Darstellern in Großbritannien und Irland gehörten. Und es ist ein Film, auf den ich immer zutiefst stolz sein werde.
(The President's Screening, Samstag, 23. November, Filmmuseum München)


A MAN OF NO IMPORTANCE mit Albert Finney

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten - was würden Sie am Filmgeschäft ändern?
Wenn ich nur einen hätte, würde ich Johnny Depp zu meinem besten Freund machen. Wenn die gute Fee mir großzügigerweise die üblichen drei Wünsche gestattet, dann würde ich daran denken, was Orson Welles mal gesagt hat: Filmemachen besteht zu 98 Prozent aus Geld ranschaffen, und nur zu 2 Prozent daraus, tatsächlich den Film zu machen. Deshalb wäre mein zweiter Wunsch, das Gleichgewicht ein wenig zu verschieben, damit Filmemacher nicht so hart kämpfen müssen. Ich sage nicht, dass alles mühelos sein sollte. Ich würde mir nur wünschen, dass die Kämpfe manchmal nicht so idiotisch wären. Mein letzter Wunsch wäre: die gute Fee soll mir bitte die ganze Zeit, die ich mit der Lektüre schlechter Drehbücher verschwendet habe, wieder zurückgeben.

Welchen Tipp würden Sie einem ehrgeizigen und vielversprechenden Filmstudenten für den Einstieg ins Filmgeschäft geben?
Es gibt keinen besonderen Zugang mit Geheimschlüssel oder Passwort (und wenn doch, dann habe ich ihn gewiss nie gefunden). Wenn du Filmemacher werden willst (oder besser: musst), dann mach es. Erzähle deine Geschichte aus tiefstem Herzen mit deiner individuellen, unverwechselbaren Sichtweise. Vermeide Klischees und Abklatsch. Die Studenten, die ihre Filme auf dem Festival in München zeigen, haben den ersten Schritt schon hinter sich. Das ist toll. Man muss immer weiter Filme machen und sie zeigen. Das Internet mag in gewisser Hinsicht ein Fluch sein. Aber es ist auch ein außergewöhnlicher Segen - als einfacher und frei zugänglicher Vertriebsweg für jedermann. Noch ein eher kreativer Ratschlag: Achte auf die Schauspieler! Zu viele junge Filmemacher fallen auf die Nase, obwohl sie sonst fast alles richtig machen, weil sie vergessen, wie wichtig das Casting ist. Es ist die Hälfte deines Jobs, die richtigen Schauspieler vor die Kamera zu bekommen - und es ist der größte Schwachpunkt besonders bei Studentenfilmen. Und schließlich: auch heute noch werden die besten Dinge im Leben von Hand gemacht. Damit meine ich: Lass dich nicht von den Möglichkeiten digitaler Effekte verführen! Natürlich soll man diese Werkzeuge nutzen, aber nie vergessen, dass Geschichten erzählen beim Buch beginnt. Ein gutes Drehbuch hat einen guten Aufbau. Wenn die Rollen gut besetzt sind, dann musst du - wie es David Mamet einmal ausgedrückt hat - nur noch am Set wach bleiben, und du hast deinen Film.


Premiere DARK TOURIST, 2012