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Montag, 08.10.2018

Die Auswahjury im Interview

Ein Gespräch mit Olga Baruk und Milena Debeljković

Die Auswahjury im Interview

Am Tag der Entscheidung: Olga Baruk (links), Hans Albrecht Lusznat (Mitte) und Milena Debeljković (rechts)


206 eingereichte Kurzfilme aus aller Welt bei einer Gesamtspielzeit von 53 Stunden - die Filmschoolfest-Auswahljury hatte alle Hände voll zu tun, um das Programm für das diesjährige Festival zu gestalten. Filmkritikerin Olga Baruk, Kameramann Hans Albrecht Lusznat und Filmfestivalkoordinatorin Milena Debeljković haben sich im September in München getroffen um über die gesichteten Filme zu diskutieren. Heraus kam ein Programm aus 46 Filmen aus 18 Ländern von Singapur bis Finnland. Wie die Entscheidung für sie war, erzählen Olga Baruk (OB) und Milena Debeljković (MD) im Interview.

 

Ihr hattet 206 Filme zu schauen und zu bewerten. Wie seid ihr dabei vorgegangen und mit welchen Erwartungen seid ihr die Aufgabe angegangen?

OB: So viele Filme zu schauen und zu bewerten, das erforderte Disziplin. Ich machte es der Reihe nach, einen Film nach dem anderen, mit kurzen Notizen gleich im Anschluß, und habe deutlich mehr Zeit gebraucht, als anfangs eingeschätzt. Um Missverständnisse gleich aus dem Weg zu räumen: Als Vorjury-Mitglied steht man nicht über den Filmen, weil man über deren Teilnahme am Festival entscheidet. Ein Film ist selten nur ein Film. Jeder, ob gut oder schlecht, beharrt auf Auseinandersetzung, jeder will gesehen, gelesen, vielleicht gedeutet werden. Die Bilder drängen ins Bewusstsein. Bei Kurzfilmen ist das nicht anders.

MD: Ich halte es für sehr wichtig, offen zu sein und jedem Film eine Chance zu geben - wenn nicht heute, dann vielleicht morgen. Aber wenn man eine so große Anzahl an Filmen schaut, kann es natürlich immer passieren, dass mittendrin ein Film daherkommt, der einen überwältigt und dazu verleitet, andere Filme, die man bereits gesehen hat, nochmal zu überdenken. Das ist ja das Schöne - das Warten auf "den Einen".

Was interessiert euch persönlich am meisten an einem Film? Welche Art von Filmen schaut ihr privat am liebsten? Habt ihr einen absoluten Lieblingsfilm?

OB: Wenn man beim Filmschauen auf kleine Abweichungen von den Klischees, vom Vertrauten stößt – das sind Glücksmomente. Das Häßliche, das Obszöne, das den Normen Entgleitende, das Fehlkalkulierte ist genauso interessant, wie das Spielerisch-Humorvolle. Aber auch das muss nicht unbedingt sein. Manchmal reicht die Zärtlichkeit, die Filme ihren Figuren entgegenbringen. Das klingt zwar simpel, bildet aber die Brücke zum Politischen, zu der Frage der Haltung, der Solidarität, der Arbeit – das sind alles sehr wichtige Begriffe für mich. Serge Daney hat in einem Text vom Unterschied zwischen „Wahr-Lügen“ und „Falsch-Lügen“ gesprochen – das Letztere ist meist eh schwierig, oder schlichtweg uninteressant. Einen absoluten Lieblingsfilm gibt es nicht.

MD: Ich glaube ein guter Film braucht immer auch ein gutes Skript. Ich schaue aber auch wahnsinnig gerne Filme, die unkonventionell gedacht sind und den Mut und die Kreativität des Regisseurs repräsentieren. Persönlich mag ich europäische Filme und Kunstfilme - von Zeit zu Zeit aber auch mal eine gute Komödie. Einen Lieblingsfilm habe ich nicht. Aber wenn ich mich entscheiden müsste, dann würde ich ein paar serbische Filme nennen, zum Beispiel "The Trap", "The Professional", "Pretty Village" oder "Pretty Flame".


Was ist euch bei eurem Filmmarathon aufgefallen? Sind bestimmte Themen hervorgestochen? Oder gab es Länder, die im Vergleich besonders auffällig waren?

MD: Die meisten jungen Regisseure haben sich dafür entschieden aus dem Leben junger Menschen zu erzählen. Die Filme können aber sowohl persönlich sein, als auch aktuelle Geschehnisse ihrer Herkunftsländer reflektieren. Israel hat mit seinen Geschichten einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen - die Geschichten von dort sind anders als aus europäischen Ländern oder aus Amerika, erwachsener. Auch Belgien hat sehr interessante Filme eingereicht. Ich würde sie als albern bezeichnen, aber gut-albern.

OB: Auffallend viele Geschichten kreisten ums Erwachsenwerden, um die Erkundung der eigenen Sexualität, um bestimmte, oft belastete Familienkonstellationen. In machen Filmen fehlten die Eltern – in einer Welt ohne Erwachsene zogen junge Menschen durch die Gegend, ziellos oder auf einem Bildungsweg, den es zu absolvieren galt. In anderen wurde die An- oder Abwesenheit der Eltern zum eigentlichen Drehpunkt der jeweiligen Geschichten. Israel und Belgien sind in unserer Auswahl am stärksten vertreten. Wir haben uns natürlich nach dem Grund für diese Auffälligkeit gefragt. Vielleicht ist sie ein guter Anlass, um während des Festivals über Voraussetzungen oder die Wirksamkeit des Kinos in bestimmten gesellschaftlichen Kontexten zu sprechen.

Was war die größte Überraschung?

OB: Mit so einem großen Anteil an guten Filmen habe ich nicht gerechnet. Plots, Mises en Scène, Darstellung und die Leistungen der einzelnen Gewerke waren auf sehr hohem Niveau. Überrascht war ich vom Einfallsreichtum, dem gewandten Einsatz filmischer Mittel, von realistischen Details, gut ausgesuchten Schauplätzen, von natürlichen Dialogen.

MD: Viele Filme haben sich mit aktuellen Themen wie Migration und dem Leben von Flüchtlingen befasst. Ich finde es gut, dass sich auch diese jungen Menschen dieser Probleme bewusst sind.

Gab es Themen oder Genres, die ihr vermisst habt?

MD: Ich hätte mir mehr mutige Filme gewünscht - experimentellere. Nicht in Bezug auf die Story selbst, sondern hinsichtlich der Regie und des Storytellings.

OB: In der Tat hat mir das Unfertige, das bisschen Rohe, das Nachlässige und Unvorsichtige, der Mut zum Daneben-Sein gefehlt. Das ist nicht als Vorwurf oder Kritik formuliert. Die Filmstudenten müssen zeigen, was sie gelernt haben. Das zu tun und gleichzeitig frei davon zu sein ist ein schwieriger Balanceakt.

Wart ihr euch schnell einig, was die Filmauswahl anging oder wurde viel diskutiert?

MD: Ich fand es sehr schön und ich hatte das Gefühl, dass wir einen ähnlichen Geschmack haben, was die Auswahl erleichtert hat. Dennoch hatten wir beim Filmeschauen unterschiedliche Ansätze, was zu guten Entscheidungen geführt hat.

OB: Es gab natürlich Diskussionsbedarf, aber alles verlief friedlich. An dem, was man „persönlicher Geschmack“ nennt, hängt ja einiges dran: einschlägige Ereignisse, der eigene Bildungsweg, die Herkunft, der persönliche Kanon, an dem man vielleicht nicht gern rütteln möchte. Von der finalen Auswahl sind wir aber alle drei, glaube ich, sehr überzeugt.

Welche Empfehlung habt ihr für die Studenten und Zuschauer, um das Meiste aus ihrem Filmschoolfest-Besuch rauszuholen?

OB: Versorgt euch mit ausreichend Proviant und setzt euch gleich in die erste Vorstellung. Schaut, so viel ihr könnt, das Wetter wird eh schlecht. Filme wollen gesehen werden.

MD: Es ist wichtig, wirklich Teil eines solchen Festivals zu werden, um Filmemacher mit großem Potential kennenzulernen.