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Montag, 17.10.2016

Programm '16: Eigene Welten und einzigartige Figuren

Interview mit der Auswahljury

Simon Koenig, Kaspar Heinrich, Maria Reinup und Programmkoordinatorin Isabelle Haag beim Besuch in München.

Nur noch eine Woche – dann ist es endlich so weit, und das Programm des diesjährigen FILMSCHOOLFEST MUNICH wird veröffentlicht. Welche Studenten im November ihre Filme im Filmmuseum zeigen dürfen, entscheidet eine unabhängige Auswahljury – dieses Jahr bestehend aus Kaspar Heinrich (KH), Maria Reinup (MR) und Simon Koenig (SK). Die drei Filmkenner durften sich durch 244 eingereichte Filme schauen und anschließend munter diskutieren. Wie sie dabei vorgegangen sind, erfahrt ihr in unserem Interview.

 

War die Auswahl der Filmschoolfest-Filme eure erste Juryerfahrung? Mit welchen Erwartungen seid ihr an die Aufgabe herangegangen?

KH: Tatsächlich saß ich zum ersten Mal in einer Jury und war deshalb sehr gespannt, wie es laufen würde. Würden wir uns schnell einigen können oder stundenlang streiten? Besonders bei einigen recht speziellen Filmen hat mich das Urteil der anderen Juroren interessiert.

SK: Ich durfte schon in verschiedenen Jurys sitzen. Bei dieser Jury hat mich vor allem interessiert, was die Absolventen der verschiedenen Filmschulen aus der ganzen Welt produzieren. Was sind Gemeinsamkeiten, was sind Unterschiede, gibt es jeweils einen typischen Stil?

MR: Das war nicht meine erste Juryerfahrung. In meinen Jahren als Festivalleiter und -programmierer wurde ich in diverse Jurys eingeladen, von der Musikvideojury von SXSW zur Spielfilmjury von Sitges. Normalerweise sieht man die Filme erst auf dem Festival und kürt den Gewinner erst kurz vor Schluss. Diesmal war es eine ganz andere Herangehensweise für mich persönlich, weil wir die Filme lange vor dem Festival ausgesucht haben, und ich gar nicht mit dem Publikum im Kino sitzen werde. Wir kamen uns eher wie Programmer vor, die eine Auswahl an richtig guten Kurzfilmen zusammenstellen durften.

Wie seid ihr beim Filmeschauen vorgegangen: Hattet ihr ein bestimmtes Muster oder Bewertungssystem?

MR: Mir war es sehr wichtig, die Filme nach Ländern und in diesem Fall auch nach Filmschulen geordnet zu betrachten, um mir einen Überblick zu verschaffen. Das hat mir geholfen, die Filme besser einzuschätzen. Und nachdem ich alle gesehen habe, habe ich mir die ersten 30 nochmal angeguckt, weil ich die Qualität insgesamt dann besser einschätzen konnte.

SK: Ich habe die Filme nach Filmschulen sortiert gesichtet. Neben der Originalität des Filmthemas und der Story habe ich die Umsetzung stark gewichtet. Haben die angehenden Filmemacher eine eigenständige Handschrift? Haben sie einen eigenen formalen Zugang gefunden zur Umsetzung der Idee?

KH: Ich bin die Filme alphabetisch durchgegangen, sortiert nach den englischen Titeln. So ergab sich eine bunte Mischung: kurze, spritzige Animationsfilme zwischen halbstündigen Dokus und Dramen. Neben den Punkten, die wir zu verteilen hatten – null bis drei –, habe ich mir Tendenzen notiert. Dann stand da zum Beispiel “2 < 3” in meinem Block.

Sind euch bestimmte Themen aufgefallen, die viele Studenten beschäftigen?

SK: Coming of Age, First love und Sex sind sehr verbreitet.

KH: Die Flüchtlingskrise beschäftigt immer mehr Filmemacher. Ehrlich gesagt hatte ich das auch erwartet, beziehungsweise gehofft. Denn bei diesem Thema stellen sich natürlich immer wieder auch “frische” moralische Fragen. Gerade im Vergleich der Filme war es spannend zu sehen, wie diese Fragen beantwortet werden – oder ob sie eben bewusst unbeantwortet bleiben. Ansonsten ist das Thema Coming of Age ein Dauerrenner. Erwachsen werden Menschen auf der ganzen Welt und zu allen Zeiten, und selten läuft das ohne kleinere oder größere Tragödien ab.

244 Filme sind ein recht breites Spektrum: Gab es dennoch Dinge, die euch übergreifend aufgefallen sind?

KH: Bei einer solchen Masse an Filmen macht es kaum Sinn, echte Gemeinsamkeiten zu suchen. Und das war ja auch gerade das Tolle an unserer Arbeit: An einem einzigen Sichtungstag konnten wir in völlig unterschiedliche Länder und Geschichten hineinschauen.

MR: Eines der auffallendsten Merkmale war sicher die hervorragende handwerkliche Qualität der Filme.

Was hat euch besonders überrascht?

MR: Ich programmiere mittlerweile hauptberuflich Spielfilme, keine Kurzfilme mehr. Deshalb war es erfrischend zu sehen, wie viel Spaß es mir immer noch macht, Kurzfilme zu gucken, und was ein richtig guter Kurzfilm darstellen kann. Kurzfilme haben weniger Zeit, Dinge zu erklären, weshalb sie leicht ins Klischee verfallen können. Bei den richtig guten Kurzfilmen bekommt man das Gefühl, in eine ganz eigene Welt mit einzigartigen Figuren einzutauchen – oder in sehr kurzer Zeit sehr viel übers Leben gelernt zu haben. Das finde ich sehr beeindruckend.

Gab es Filmthemen oder Genres, die ihr vermisst habt?

SK: Ich hätte mir mehr politisch engagierte Filme gewünscht. Filme, die aktuelle politische Tendenzen kommentieren oder beleuchten. Überrascht hat mich auch, dass der Umgang mit Social Media und der digitale Wandel relativ spärlich thematisiert waren, weder explizit noch implizit. Obendrein gab es sehr wenige eingereichte Filme, die sich in experimentellen oder nicht-narrativen Formen austobten. Für meinen Geschmack könnten auch mehr Animationsfilme eingereicht werden, es gibt ja schließlich auch einen Extra-Preis dafür.

KH: Ich finde, durch die Vielzahl an Filmen wurde wahnsinnig viel abgedeckt. Fast jedes Genre, das sich in drei bis 30 Minuten ansatzweise erzählen lässt, war vertreten – selbst Science-Fiction. An Horrorfilmen mangelte es vielleicht etwas. Okay, ein Western war auch nicht dabei...

Wart ihr euch bei der Bewertung der Filme meist einig oder musstet ihr um eure Lieblinge kämpfen?

KH: Zur größtmöglichen Differenz von null und drei Jurorenpunkten kam es nie, und auf viele Filme konnten wir uns recht schnell einigen. Selbst als es am Ende dann noch um die persönlichen Lieblinge ging, haben wir das ziemlich diplomatisch gelöst. Denn klar war auch: Jeder von uns muss hinter jedem Film stehen können, den wir auswählen. Ich denke, das haben wir geschafft.

MR: Anscheinend hat sich unsere Jury dieses Jahr viel besser verstanden als letztes Jahr. Ich hatte das Gefühl, wir hatten eine ähnliche Vorstellung davon, welche die allerbesten Filme waren. Nachdem wir uns über die Hauptkandidaten für die Auswahl der Besten geeinigt hatten, konnte jeder noch für seine persönlichen Lieblinge und Ausreißer argumentieren. Dann haben wir in Anbetracht dieser Argumente und der Gesamtauswahl eine zweite Auswahl getroffen. Unter den gegebenen Voraussetzungen kann man das kaum fairer handhaben, denke ich.

SK: Wir hatten einige Filme, die wir alle drei wirklich gemocht haben. Dann gab es ein paar Filme, bei denen die Meinungen stark auseinander gingen. Aber meist sind genau das im Nachhinein die interessanten Filme.